Дружба! Freundschaft!

Im Kiezkieker #31 ist ein ausführlicher und sehr schöner Artikel zur Freundschafts- und Solidaritätstour von Partizan Minsk durch Deutschland erschienen. Freundlicherweise haben uns die geschätzten Kolleg*innen den Text zur Verfügung gestellt. Vielen Dank für den Artikel und das wir ihn veröffentlichen dürfen. Viel Spaß beim lesen… 

Seit über einem Jahr läuft die Kampagne für die Rettung des Fußballklubs Partizan Minsk (bzw. MTZ-Ripo) aus der weißrussischen Hauptstadt und wer in unserer Fanszene nicht völlig blind unterwegs ist, wird die Existenz des antifaschistischen Vereins aus dem dunklen Osten wahrgenommen haben. Tapeten und Flyer, Spendensammlungen und nicht zuletzt ein Interview mit einem Minsker Fan in der Basch wussten ganz gut einzustimmen auf die Partisanen. Am Rande des Freundschaftsspiels unserer Zauberelf in Babelsberg letztes Jahr kam die Idee auf, eine Solidaritätstour für die Minsker Towarischi zu organisieren. Mitte März 2013 hätten nur noch Visa-Scherereien dem Unterfangen ein jehes Ende bereiten können, aber selbst das hat alles geklappt. Und so kam vor zwei Wochen eine Gruppe von etwa 60 Leuten aus Minsk in Hamburg an. Die OrganisatorInnen haben wirklich gut abgeliefert. Ich ziehe den Hut.

Ich kenne mich mit den Witterungsverhältnissen in Weißrussland nicht wirklich aus, aber ich kann mir vorstellen, dass unsere Gäste vielleicht ein bisschen enttäuscht waren ob des fiesen Winterwetters in Deutschland. Nicht dass sie Palmen erwartet hätte, aber sowas? Braucht kein Mensch. Am wenigsten, wenn es gilt, Fußball unter freiem Himmel zu spielen. Gegen die 2. Mannschaft von TeBe am Sonntag in Berlin konnte trotz reichlich Schnee noch irgendwie gespielt werden, die Reserveelf von Victoria Eppendorf durfte sich am Montag vor 150 Zuschauern auch noch eine 0:12-Klatsche verabreichen lassen. Nur St. Pauli hat mal wieder verkackt. Eigentlich sollte am Dienstag unsere Punkertruppe von den 4. Herren gegen den FK Partizan Minsk antreten, aber „der Verband hat den Platz nicht freigegeben“. Sagen sie. Meine Theorie sagt etwas anderes. Nämlich: Als sich bis Hamburg rumgesprochen hatte, dass es sich bei der Mannschaft von Partizan um richtige Sportler handelt, hat die alten Knaben die Angst gepackt. Dass ein Verband einen Kunstrasenplatz sperrt, weil da Schnee drauf liegt, den man ja auch beseitigen könnte, ist doch nun mal wirklich der größte Schwachsinn, den man sich als Ausrede einfallen lassen kann. Ein Hund hat meine Hausaufgaben gefressen.

Der Verein existiert seit 2002 und entstand aus der Fusion der Betriebssportvereine des Minsker Traktorenwerks (MTZ) und des Republikanischen Instituts für Berufsausbildung (RIPO). Weißrussland ist vor allem in Osteuropa für seine Traktoren (Belarus) bekannt, die seit 1947 in Minsk gefertigt werden. Im Betriebsklub FK Traktor Minsk kickten anfangs deutsche Kriegsgefangene zusammen mit sowjetischen Arbeitern. Von 2004 bis 2010 spielte der neue Verein MTZ RIPO erfolgreich in der ersten Liga Weißrusslands. 2005 und 2008 konnte der Klub sogar den Weißrussischen Pokal gewinnen. 2009 wurde der Verein auf Betreiben des Klubbesitzers und Sponsors Vladimir Romanov in Partizan umbenannt, was anfangs bei den Fans gar nicht mal auf Gegenliebe stieß. So findet man auch aktuell noch Sticker mit dem alten Namen und Logo und unsere Gäste in Hamburg trugen auch mit Vorliebe den alten Schal.

Marketingtechnisch macht Partizan natürlich mehr her als MTZ RIPO, was im Nachhinein gar nicht mal so negativ ist. Denn mit dem Rückzug des Mannes mit dem Geld im Dezember 2011 ist der gesamte Klub zusammengebrochen. Ich bin mir sicher, von solchen Fällen wird man noch öfter aus verschiedensten Ländern hören, aber um die wenigsten Vereine wird es so schade sein wie um Partizan Minsk. Im alten „Traktor“-Stadion hat sich nämlich eine Fanszene herausgebildet, die in ihrer Zusammensetzung und ihrem politischen Selbstverständnis ein Novum in Osteuropa darstellt. Nach den politischen und gesellschaftlichen Veränderungen in den Ländern östlich des Eisernen Vorhangs hat sich die Stimmung dort erschreckend nach rechts verschoben. Aber wem erzähl ich das, ihr wisst Bescheid. Wie fast überall in Osteuropa hatten es Antifas und Leute, die einfach mal nicht Nazis waren, auch in Minsk verdammt schwer. Wenn es so etwas wie sichere Zonen in Ostdeutschland, in Tschechien, Polen, Bulgarien oder auch Weißrussland gibt, dann mussten diese in den meisten Fällen erst einmal durch langjährige politische Arbeit und ein hohes Maß an Durchhaltewillen und brachialer Gewalt freigekämpft und immer wieder verteidigt werden. So ist es auch in der weißrussischen Hauptstadt und der FK Partizan Minsk spielt dabei eine wichtige Rolle. Einer der Gäste drückte es bei der Veranstaltung im Knust etwa so aus: Wenn du gegen Nazis und Rassismus bist, bist du Partizan-Fan. Seine weiteren Ausführungen über die Zusammensetzung der Fanszene hätten dann auch auf andere Vereine gepasst, die uns so lieb sind. Mit dem Unterschied, dass die Fans von Partizan angehalten sind, Kampfsport zu betreiben, um den Nazis auf die Glocke hauen zu können. Ich nehme an, das würde hier eher auf etwas Unverständnis stoßen.

Mit großer Anstrengung ist es den Fans von Partizan gelungen, ihren Klub zu retten. Nach der Insolvenz haben sie den Verein neu gegründet. Seit 29. März 2012 existiert der FK Partizan Minsk als selbstverwalteter Fußballverein und spielt heute mit einem jungen Team, das in der Sportschule rekrutiert wird, in der Minsker Stadtliga, der vierten weißrussischen Liga. Die Spiele werden nicht mehr im großen Stadion veranstaltet, aber mittlerweile kommen wieder einige Hundert Fans, gegen den verhassten Stadtrivalen Dinamo deutlich mehr. Im autoritär regierten Weißrussland – gemeinhin wird von der letzten Dikatatur in Europa gesprochen, aber das wird, wenn man die Entwicklungen z.B. in Russland und Ungarn betrachtet, nicht mehr lange zu halten sein, fürchte ich – wird jegliche menschliche Regung mit strengem Blick bewertet und gegebenenfalls sanktioniert. In einem Land, wo sogar das kollektive Klatschen in der Öffentlichkeit verboten ist, macht die Regulierungswut zum Schutze der Nation natürlich auch nicht vor dem Fußball Halt. In Weißrussland sind politische Statements bei Fußballspielen generell verboten. Um auf Nummer sicher zu gehen sind auch alle fremdsprachigen Losungen nicht erlaubt.

Unsere Gäste haben sich womöglich aus Sorge um ihre Sicherheit weitgehend zurückgehalten, was politische Aussagen angeht – mit Ausnahme der Naziproblematik. Dass ihr Besuch in Deutschland von staatlichen Stellen in Weißrussland aufmerksam zur Kenntnis genommen wurde, kann als sicher gelten. Die freie Rede ist dort kein geschütztes Gut und so muss man versuchen, kreativ seinen Protest auszudrücken. Ein Beispiel ist das bereits erwähnte öffentliche Klatschen. Da jegliche Form des Protestes gegen den Präsidenten und seine Politik verboten ist, sind die Menschen in Belarus dazu übergegangen, immer zu klatschen, wenn Lukaschenko spricht. Das konnte natürlich nicht lange gut gehen. Wer ein Zeichen gegen das Regime setzen will, spricht in Weißrussland weißrussisch. Klingt komisch, ist es aber nicht. Präsident Lukaschenko spricht selber nämlich vor allem russisch und beherrscht die eigentliche Landessprache nicht allzu gut. Ein anderes Mittel des Protestes ist das Zeigen der früheren Landesfarben Weiß und Rot. Nach der Unabhängigkeit des Landes von der Sowjetunion bestand seine Fahne aus weiß-rot-weißen Streifen. 1995 hat Lukaschenko eine neue Fahne eingeführt, eine Abwandlung der Fahne der Sowjetrepublik Belarus in den Farben Rot-Weiß-Grün. Rot und Weiß sind heute die Farben der Opposition. Und die Vereinsfarben von Partizan Minsk.

Charly Traktor

Dieser Beitrag wurde unter Partizan Minsk, Partizan Minsk Tour abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.