Erlebnis Fußball: Partizan Minsk on Tour

Erlebnis Fußball 59 Partizan Minsk on Tour

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Im aktuellen Heft Nummer 59 von Erlebnis Fußball ist ein schöner Artikel über Partizan Minsk und die Tour im Allgemeinen sowie die Infoveranstaltung in Leipzig im Besonderen. Den wollen wir euch nicht vorenthalten. 

Den Rechner hoch fahren, ein wenig tippen, ein bisschen klicken und schon können die Augen über die Errungenschaften der Ultras und Hools aus ganz Europa schweifen. Das Internet und die moderne Vernetzung machen dies einfach. Bei der wöchentlichen Betrachtung der Bilder aus dem östlichen Europa fallen sie auf: die imponierenden Shows zwischen Choreographien und Pyrotechnik. Die regelmäßigen Videos zeugen von lauten Kurven und trotz stetigen Repressio-nen zeigen sie eine lebendigen Szenerie mit überzeugendem und geschlossenem Auftreten. Doch im Gleichklang mit diesen wunderbaren Elementen der Tribünenkultur gehen oftmals Rassismus, Homophobie, Antisemitismus und Nationalismus. Hinter plakativem und historisch schlecht begründetem Antikommunismus findet sich mal mehr und mal weniger versteckt, dann wieder ganz offen, nationalistische, faschistische und rassistische Symbolik. Von Polen bis Russland oder Serbien, scheint es auch ohne Verallgemeinerung vielerorts das selbe und wenn zwar sicher nicht von jedem in der Kurve gelebt, dann doch zumindest geduldet. Da wirkt die Geschichte des FK Partizan Minsk wie entnommen aus einer von René Goscinnys Geschichten über Asterix und Obelix.

Die Fans des Vereins aus der weissrussischen Hauptstadt bekennen sich nicht nur eindeutig und konsequent zu ihrer antirassistischen und antifaschistischen Einstellung, sie versuchen mit ihrem Club einen selbstbestimmten und selbstorganisierten Anspruch zu verwirklichen. Es ist ein hart erkämpftes Ideal, denn Partizan stand nicht nur als Verein kurz vor seinem finanziellen Ende, sondern war und ist Zielscheibe von Nazis und natürlich auch des Staatsapparates eines oft als letzte Diktatur Europas benannten Landes. Während Goscinny seine Hauptdarsteller u.a. nach Amerika und Britannien führte, sollte die erste große Reise für Partizan nach Deutschland gehen. Eine Tour der besonderen Art führt durch Berlin, Hamburg, Leipzig und Potsdam.

Es ist eines dieser Häuser in Leipzig-Connewitz um die sich Mythen und Klischees ranken. Es ist voll. Eigentlich zu voll dafür, dass die Veranstalter schon auf Sitzgelegenheiten verzichtet haben, um mehr Besuchern Platz zu lassen. Es wird geraucht und die Luft ist so stickig, dass man sie in die zahlreichen Flaschen abfüllen könnte, die überall stehen und ständig klappern und umfallen, wenn irgendwo ein wenig Bewegung im Raum ist. Silbern glänzendes Klebeband hilft die bunten Wände zu dekorieren und überall hängen Transparente aus Minsk. Das gespannte Murmeln der Anwesenden wird von vorn unterbrochen und mit gut zwei Stunden Verspätung soll es los gehen. Vorn, da ist ein Übersetzer, umrahmt von zwei Aktivisten Partizans die gemeinsam beginnen zu erzählen. Der Verein MTZ Ripo Minsk, so der damalige Name entstand 2002 aus einer Fusion, schaffte im Folgenden den Aufstieg in die erste Liga und konnte 2005 und 2008 sogar den weißrussischen Pokal gewinnen. Doch natürlich war es weniger dieser sportlichen Erfolg, welcher die etlichen Zuhörer zu den Infoveranstaltungen, wie in Hamburg, wo der Vortrag sogar noch per Video in einen benachbarten Raum übertragen werden musste, anlockte. Vielmehr war es das Konzept des Vereines, das klar antikommerziell ausgerichtet ist und in dem versucht wird, über eigene Arbeit und Prinzipien und ohne Trennung zwischen Gremien und Fans zu arbeiten. Einer der Organisatoren von Ultrà Sankt Pauli erklärt das Interesse: „Aber dann kommt natürlich auch so was hinzu, wie die Selbstverwaltung eines Fußballvereins. Da können wir noch viel lernen von Partizan. Die Minsker selber orientieren sich ja wiederum am „FC United of Manchester“ und dessen Modell des antikommerziellen Fußballs. Ich denke, dass in Deutschland mit dem Wandel des Fußballs zum Event und den damit verbundenen Sicherheitspapieren nichts so bleiben wird, wie es mal war. Deshalb sind solche Modelle für uns natürlich auch sehr interessant.“

Doch eben dieses Modell war keine hundertprozentig freiwillige Entscheidung, denn nach dem Abstieg 2010 und dem später folgendem Rückzug des oligarchischen Hauptgeldgebers war der Verein faktisch ausgelöscht. Eben bis die Fans im Jahr 2012 eine Neugründung / Übernahme des nun unter dem Namen FK Partizan Minsk auftretenden Clubs anstrebten. Dafür wurde neben Durchhaltevermögen eben auch Geld benötigt. Für die Babelsberger um das Filmstadtinferno war Unterstützung hier nur folgerichtig: „Lockere Kontakte nach Minsk gibt es schon seit einigen Jahren. Eine kleine Babelsberger Delegation besuchte bereits vor Jahren die weißrussische Hauptstadt und ein Spiel von MTZ Ripo, dem Vorgängerverein. Als zum Jahreswechsel 2011/2012 der inzwischen Partizan genannte Club vor dem endgültigen Aus stand, überlegten wir uns, wie wir den Leuten von hier aus unsere Unterstützung zukommen lassen könnten. Denn in Minsk wuchs der Gedanke, den eigenen Verein nicht sterben zu lassen, sondern selbstverwaltet weiterzuführen. So wurde die Kampagne »Save MTZ« ins Leben gerufen, ein Blog eingerichtet, ein Spendenaufruf formuliert, die Öffentlichkeit informiert und die Spendenkampagne ins Rollen gebracht. Im Laufe der Zeit beteiligten sich immer mehr Fanszenen, sodass sich ein schönes Beispiel grenzüberschreitender Solidarität entwickelte. Insbesondere in Minsk kam dieser Support zweifellos gut an und machte Mut, trotz schwieriger Rahmenbedingungen das Projekt »selbstverwalteter Fußballverein« zu realisieren.“

Somit trugen die hier ansässige Szenen wie eben von Babelsberg, St. Pauli, Tennis Borussia Berlin und des Roten Stern Leipzigs zur Erhaltung der Strukturen in Minsk bei, um den Wunsch „Ein anderer Fußball ist möglich“ in die Tat umzusetzen. Das genau diese Vereine die Kampagne vorantrieben, war kein Zufall, sondern eben auch und vor allem dem antirassistischen und antifaschistischen Engagement der dortigen Fans geschuldet. Ein Punkt, der die kurze Unaufmerksamkeit im Saal sofort wieder beendet.

Die Neugier an diesem Kapitel von Fans und Verein resultiert auch aus den vergleichsweise idyllischen Bedingungen, wie sie mittlerweile vielerorts in Deutschland herrschen. Anders in Osteuropa und anders in Minsk, wo die Entstehung der Szene auf das Jahr 2003 datiert werden kann, als sich einige Aktivisten offen antirassistisch positionierten. Genauer gesagt waren es zu Beginn sieben Leute und der Alltag in- und außerhalb des Stadions war von Kämpfen geprägt. „Die Gewalt prägt das Leben innerhalb der Fanszene und so muss man sich eben erst Respekt auf der Straße verdienen um Die Neugier an diesem Kapitel von Fans und Verein resultiert auch aus den vergleichsweise idyllischen Bedingungen, wie sie mittlerweile vielerorts in Deutschland herrschen. Anders in Osteuropa und anders in Minsk, wo die Entstehung der Szene auf das Jahr 2003 datiert werden kann, als sich einige Aktivisten offen antirassistisch positionierten. Genauer gesagt waren es zu Beginn sieben Leute und der Alltag in- und außerhalb des Stadions war von Kämpfen geprägt. „Die Gewalt prägt das Leben innerhalb der Fanszene und so muss man sich eben erst Respekt auf der Straße verdienen um Ernst genommen zu werden und Angreifer abzuschrecken und anderen Fans zu ermöglichen, ins Stadion zu gehen. Für uns war es auch überraschend zu sehen wie frei und offen hier in Deutschland alle Fans ihr Material und ihre Farben tragen können. Bei uns sind Hooligans die Basis und erst dann kommt die Präsentation von Ultras und Fans, denn ohne sie gibt es keine Möglichkeit ins Stadion zu gehen. Vor allem zu Beginn gingen viele der Kämpfe verloren und es war nicht einfach, doch nach fünf Jahren waren wir stark genug, um uns zu behaupten – besonders gegen Dynamo Minsk, dessen Fans Nazis sind. Bei einem Derby gab es einen großen Kampf – man kann nicht sagen, dass wir gewonnen haben, doch wir haben auch nicht verloren. Seit dem war vieles anders Minsk. Wir bekamen Zulauf, viele Leute fingen an zu trainieren und jeder konnte sehen, dass wir keine Angst haben, auch nicht vor den angeblich besten Hooligans Weißrusslands. Von da an besiegten wir sie und heute sind wir die Nummer 1!“

Die Stimmung im Raum schwankte zwischen Unverständnis und Faszination über diese klaren und mit Nachdruck formulierten Worte. Verhältnisse, die hier kaum nachzuvollziehen sind, aber notwendigerweise ausgesprochen werden müssen: „Als Wert hinter der Tour steht für mich an erster Stelle der Antifaschismus. Vor allem jüngere Fans und Ultras konnten dort einen Eindruck gewinnen, dass es eben nicht selbstverständlich ist, in einer antirassistischen Kurve zu stehen und nicht ständig dafür kämpfen zu müssen.“, heißt es dazu aus dem Lager der braunen-weißen Hamburger.

Entsprechend war eben dieses Engagement auch eine wichtige Grundlage. TeBe beschreibt dies übereinstimmend mit allen anderen Engagierten: „Für uns stand im Vordergrund die Unterstützung der Minsker, wir finden es beachtlich, dass in Weißrussland eine Junge Gruppe über den Fußball antifaschistisch und basisdemokratisch aktiv ist, in einem Land das von staatlichen Repressionen, Faschismus und Diskriminierung geprägt ist.“ Dabei kam die ursprüngliche Idee für diese Tour aus Minsk selbst, sollte doch damit den Unterstützern gedankt werden, aber natürlich auch ein kleiner Traum erfüllt werden. „Als wir neulich zusam-men saßen und zehn Jahre zurückgedacht haben, an den Zeitpunkt, an dem wir die Szene bei MTZ Ripo gegründet haben, war von einem Spiel bei St. Pauli natürlich nur zu träumen. . .“ Als dann im Juli 2012 eine Delegation aus Minsk das Babelsberger Ultrash-Festival besuchte und dort ebenfalls dem sogenannten „Zeckenderby“ Babelsberg gegen St. Pauli beiwohnte, wurde aus der fixen Idee eine konkrete Planung. Diese allerdings in die Tat umzusetzen, war Herausforderung und Kraftakt zugleich – sowohl finanziell als auch organisatorisch. Zu den obengenannten Vereinen kamen nun noch Victoria und Altona aus Hamburg, sowie Chemie Leipzig als einer der Spielpartner. Dabei mussten die Versorgung und Schlafplätze für 70 Personen ebenso organisiert werden, wie Absprachen zwischen den beteiligten Vereinen getroffen werden. Das dies nicht immer einfach war, ist klar. Auch mussten winter- und schneeresistente Plätze besorgt werden und vor allem Visa für die Einreise in die EU bzw. nach Deutschland. Letzteres ist dabei nur ein Teil eines repressiven Systems, welches den Fans Partizans gegenübersteht. Gerade als Fußballfan ist man dabei Teil einer möglichen Opposition und damit im Fadenkreuz der Regierung.

Im Raum wird aus dem ungläubigen Staunen ein lautes Lachen, als der Übersetzer davon spricht, welches Material von der Miliz ins Stadion gelassen wird und welches nicht. Kann man das Verbot der „You`ll never walk alone“-Fahne noch auf die mangelnde Bildung der Ordnungshüter und deren Angst vor der bösen, englischen Sprache schieben, wirken das Verbot von Grüßen für einen frischen Vater unter den Spielern und das einer Fahne mit den Kinderserienfiguren Spongebob und Patrick nur noch lächerlich. Spielt doch diese Verdrängung der Fankultur beim Status der Gewalt in der Fankultur eine sicher nicht unbescheidene Rolle. Dass am nächsten Tag beim Spiel auf einem völlig zugeschneiten und kaum zu bespielenden Platz aber gerade solche Fahnen hängen – auch dies ist ein wichtiger Teil dieser Tour. Dass der Schatten des Staates allerdings bis nach Deutschland reicht, konnte man sehen, als bei allen Spielen die zahlreiche Pyrotechnik nur vermummt gezündet wurde und das Fotografieren nur autorisierten Personen vorbehalten war. Vor dem Miniturnier Donnerstagnachmittag mit gut 450 Leuten in Leipzig mit dem Roten Stern, der BSG Chemie und Partizan, wurde zum Auftakt in Berlin das Spiel Union Berlin gegen Sankt Pauli besucht, natürlich mit einem gewohnt aggressiven Auftreten der Berliner Polizei, ehe Sonntag vor 480 Zuschauern gegen TeBe II zum ersten mal der Ball rollte. Weiter ging es nach Hamburg, um gegen Victoria zu spielen. Die geplante Partie gegen die Vierte des FC St. Pauli dagegen fiel dem starken Schneefall und dem dadurch unbespielbaren Platz zum Opfer. Als Ersatz gab es ein Kickerturnier und eine Führung durch das Stadion am Millerntor. Für die Minsker war dies ein wichtiger Moment: „Für viele von uns war St. Pauli ein Beispiel und eine Inspiration, also war das Spiel in Hamburg wohl der Hauptakt auf der Tour für uns. Leider konnte das Spiel nicht stattfinden, aber dennoch wird auch dieser Tag lange in unserem Gedächtnis bleiben. Besonders der Ausflug ans Millerntor hat bei uns starken Eindruck hinterlassen.“

Folgend ging es nach Leipzig, wo es neben einer Besichtigung des Alfred-Kunze-Sportparkes als Gastgeschenk sowohl ein Zaun- als auch ein Schwenkfahne für die Rot-Weißen gab. Von dort fuhr man zum Ende der Reise nach Babelsberg, um ein Spiel mit ca. 400 Zuschauern und eine große Abschlussveranstaltung steigen zu lassen. Dabei entstand ein großes neues Graffiti und auch darüber hinaus wurde versucht mit vielen kleinen Aktionen den D.I.Y.-Gedanken zu unterstreichen. Was nach hartem Programm klingt, bot natürlich dennoch genug Platz, um sich auszudrücken und kennenzulernen. So wur-de in allen Städten bis in die Nacht getrunken, gesungen, getanzt und vor allem geredet und sich kennengelernt. Auch dies war ein wichtiger Aspekt der Tour, wie alle Beteiligten feststellen und beim Blick in die Zukunft wird dieser Ansatz einstimmig als wichtigster für die zukünftige gemeinsame Arbeit gesehen, um die entstandenen Kontakte zu vertiefen und das Projekt FK Partizan Minsk, das mittlerweile Vorbild für andere antifaschistische Fanszenen in Weißrussland ist, weiter zu unterstützen. So sieht man das auch in Minsk: „Großartig ist, dass die kulturellen Differenzen und die Sprachbarri-ere nicht verhindert haben, dass wir alle eine großartige Zeit zusammen erlebt haben, in der wir Erfahrungen und Gedanken besprechen und reflektieren konnten. Auch wenn es manchmal keine Wörter gab. Alle die Leute die wir getroffen haben, alle Plätze die wir besichtigt haben – all das inspiriert uns und hat uns gezeigt, dass wir uns in die richtige Richtung bewegen und so macht es uns Mut, dass das was in Deutschland Normalität ist, auch in Weissrussland möglich ist. Das wichtigste ist, Vertrauen zu haben und alle Anstrengungen in das Erreichen dieser Ziele zu setzen.“

Mit den letzen Worten des Übersetzers endet der offizielle Teil des Abends unter dem Klatschen der Zuhörenden. Es ist spät geworden mittlerweile und die Anwesenden drängen über den abgelaufenen Boden und den kalten Stein nach draußen und ziehen hastig die frische Luft in die angestrengten Lungen. Schnell müssen die vielen Eindrücke geordnet werden, denn diese sollen in den folgenden Stunden nicht weniger werden..

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