Interview mit weiblichen Fans von Partizan-MTZ

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Das folgende Interview mit zwei weiblichen Fans von Partizan-MTZ wurde für die Basch, das Spieltagsheft von Ultrà Sankt Pauli, geführt sowie in zwei Teilen in den Nummern 39 und 40 veröffentlicht. Wir dokumentieren an dieser Stelle den Text vollständig allerdings mit anderen Bildern. Weitere Infos zum Minsker Verein gibt es auf der offiziellen Seite, Bilder auf der Instagram Seite der Rebel Ultras und außerdem twittern sie auch unter. Aber jetzt viel Spaß beim Lesen.

Tach. Ich bin Jura, Fan des italienischen Vereins AS Livorno und in der Gruppe Brigata Amaranto. Zusammen mit Ultra’ Sankt Pauli (USP), dem Filmstadt Inferno 1999 (FI’99), Fans von Tennis Borussia aus Berlin, vom Roten Stern aus Leipzig sowie Viktoria Hamburg und Altona haben die Freundschafts- und Solidaritätstour von Partizan Minsk durch Deutschland organisiert. Wir haben uns dort kennengelernt. Ich habe euch die ganze Zeit begleitet und die Übersetzung bei den Veranstaltungen gemacht. War eine sehr gelungene Tour.

Erzählt unseren Leser*innen bitte ein wenig, wer ihr seid?

M: Privet. Ich möchte meinen Namen nicht sagen. Nenn’ mich einfach Marusja. Ich lebe zur Zeit in Minsk. Ich mache gerade viel im Selbststudium und bin aktivistisch unterwegs. Und, wenn es meine Zeit zuläßt, helfe ich im Verein Partizan Minsk aus.

K: Ich bin Ksenja aus Belorus, wohnhaft in Minsk.

Belorus ist ein ungewöhnlicher Staat. Bei uns hier im „Westen“ wird nur schlechtes über euer Land geschrieben. Es scheint, als ob aus Belorus nix Gutes kommt – es gibt nur Lukaschenko, Terrorismus, Repression und Proteste. Kann mensch dort eigentlich leben und zum Fußball gehen? Welche Ligen gibt es und wie gut sind sie sportlich?

M: Jede*r hat so sein eigenes Verständnis von dem, was gewöhnlich ist oder eben nicht. Wir haben uns daran gewohnt, so zu leben. Alles, was um uns passiert, erscheint uns, wenn schon nicht normal, dann doch irgendwie relativ erträglich. Und zu dem, was über uns geschrieben wird: Die Herrschenden in allen Staaten benutzen Medien für ihre politischen Interessen. Tatsächlich ist das bei uns nicht schlimmer als in anderen Ländern. Es hat seine positiven Aspekte, aber auch negative. Dennoch mußte sich unser Engagement in den vergangenen Jahren anpassen.

K: Wir haben ein schönes Land und es gibt vieles Schöne bei uns. Zum Fußball kann und muß mensch gehen, obwohl es gewisse Schwierigkeiten gibt. Aber wenn dich der Sport und dein Verein wirklich interessiert, dann gibt es keine Hindernisse.

M: Wenn du in Belorus zum Fußball gehst, ganz besonders wenn du jung bist, gerätst du sofort ins Visier der Sicherheitsorgane. Und auch wenn du nich’ unter besonderer Beobachtung stehst und du nicht ständig kontrollierst wirst, wie sie es für erforderlich halten, bist du spätestens beim Spiel unter den wachsamen Augen der Miliz. So sieht’s bei uns aus, wenn ich unsere Situation zusammenfassen müßte. Aber zum Fußball kann und muß mensch gehen. Die Hauptsache ist die Liebe zum Spiel und zu deinem Team – alles andere sind kleinere Probleme.

K: Bei uns wird der Entwicklung des Fußballsports im Allgemeinen wenig Zeit beigemessen. In den Städten ist es leichter – es gibt einen lokalen Verein, der von der Stadtverwaltung gesponsert wird. In Minsk ist die Situation etwas anders. Es gibt hier mehrere Vereine, jedoch ist FK Minsk (ehemals Torpedo Minsk, AdÜ) der einzige, der von der Stadt unterstützt wird. Dinamo Minsk, der bekannteste Verein der Stadt, hat einen guten Sponsor und wird außerdem auch vom Staat unterstützt. Bei uns gibt es die Vysshaja Liga (die Höchste Liga, vergleichbar mit der 1. Bundesliga, AdÜ) sowie die Erste und Zweite Liga.

M: Bei uns gibt es alles, von den Amateur- bis zu den Profi-Ligen. Wir spielen zur Zeit in der Zweiten Liga. Leider nicht besonders erfolgreich, aber wir verlieren die Hoffnung nie. Im Allgemeinen gibt’s wenig Gutes über die sportliche Qualität des belorussischen Fußballs zu sagen. Das Niveau läßt einfach nur zu wünschen übrig. Bei uns wird scherzhaft gesagt, daß du, wenn du kein Hockeyist bist, keine Chance hast. Unser Präsident ist nämlich Eishockeyspieler, so daß keine*n die Präferenzen in unserem Land wundern.

Ihr seid Fans von Partizan-MTZ. Seit wann steht ihr eigentlich in der Kurve und warum seid ihr ausgerechnet zu MTZ gegangen?

K: Ich bin 2005 das erste mal zu Partizan gegangen. Damals hieß der Verein noch MTZ-Ripo. Er war gerade in die Höchste Spielklasse aufgestiegen und der jüngste Verein in der Liga. Auf einem Distemper Konzert habe ich Leute kennengelernt, die mir irgendwann vom Verein erzählt und mich zu einem Spiel eingeladen haben. Mein erstes Spiel war MTZ-Ripo gegen FK Baranovichi.

M: Ich weiß gar nicht genau, wann ich das erste Mal bei Partizan war. Ich glaube, das erste Mal war ich irgendwann in der Saison 2006-2007 in der Kurve. Aber so richtig engagiert habe ich mich nicht. Ich war ja gerade erst am Erwachsenwerden, meine Ideale und Prioritäten haben sich zu der Zeit erst entwickelt. Ich ging zum Fußball, wie all die anderen, die große Mehrheit, die einfach nur dem Ball beim Durchdiegegendfliegen zuschauen wollte. Ich dieser Zeit war ich erst dabei meinen Platz im Leben und meine Ziel zu finden, was mich schließlich zum politischen Aktivismus führte. Fußball und die Kurve waren erst auf den zweiten Blick wichtig. Ich bin sporadisch zu den Spielen gekommen und hab den Verein unterstützt. Als es dem Klub dann schlechter ging, habe ich gemerkt, daß ich mehr tun muß und ihn nicht allein lassen darf. Schließlich bin ich in der Kurve groß und erwachsen geworden. Die Leute dort haben mir viel gegeben, ich habe unter ihnen viel kapiert und gelernt. Bis zu einem gewissen Grad sind viele von ihnen für mich zu einer Art Familie geworden. Und es wäre einfach traurig, wenn das, was mit soviel Arbeit aufgebaut wurde, zusammengefallen wäre.

Die Fanszene von Partizan ist eine besondere. Schon früh sind die Fans offen antifaschistisch und antirassistisch aufgetreten. Wie steht ihr dazu?

M: Haha! Selbstverständlich gut. Was für’ne Frage!

K: Selbstverständlich finde ich das gut. Aber wir sind in einer schwierigen Situation – damals und heute. Denn die Fans von Partizan war die ersten in Belorus, die offen antifaschistisch auftraten, was vielen nicht gefallen hat. Heute gibt es in Belorus ein paar mehr Vereine mit antifaschistischen Fans, was uns freut.

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M: Schlecht finde ich nur, daß Antifaschismus und Antirassismus für viele an den Toren zum Sektor endet und lediglich innerhalb des Teams und des Stadions wichtig ist. Dafür gibt es verschiedene Gründe: Das beginnt bei der Angst, Verantwortung für seine politischen Ansichten zu übernehmen, und endet bei der Rechtfertigung für den Hang zur Gewalt.

Ich habe von den «Rebel Ultras» gehört. Wißt ihr, wann die Gruppe gegründet wurde, wie viele Mitglieder sie hatte oder hat? Erzählt einfach mal ein bißchen über diese Gruppe.

K: Die Gruppe gibt es tatsächlich. Sie organisieren und bereiten den Tifo bei den Spielen vor. Ich weiß nicht genau, wann sie das erste Mal in der Kurve aufgetaucht ist.

M: Sagen wir mal, ich war nie Mitglied der Gruppe. Und sich für die genaue Zusammensetzung irgendeiner alternativen Gruppe zu interessieren, bedeutet Schwierigkeiten. Je weniger du weißt, desto weniger stehst du mit’nem Fuß im Knast. Haha… Das ist ziemlich aktuell bei uns.

K: Früher waren es circa 20 Leute, welche die Aktivitäten rund um die Spiele übernommen haben. Als es dem Verein schlechter ging, haben sie ihr Engagement zunächst aufgegeben. Aber nun sind sie wieder da.

M: Heute sind sie ungefähr 10 Leute, die von vielen solidarischen Menschen unterstützt werden, die nach ihren Möglichkeiten helfen. Manche besorgen Material, andere opfern ihre Zeit oder stellen ihr Auto zur Verfügung…

Warum gefällt es euch zum Fußball zu gehen? Warum geht ihr in die Kurve? Und, wenn es etwas gibt, das euch nicht gefällt, was ist das?

M: An Fußball interessiert mich die Atmosphäre. Fußball bedeutet für mich auf der einen Seite Entspannung von einer harten Woche und andererseits mit Leuten zusammen zu sein, die mit mir auf einer Wellenlänge sind. Jede*r, der einmal im Leben beim Fußball in der Kurve stand, wird dies niemals vergessen. Es ist ein unglaubliches Gefühl – die Emotionen, der Drive, die Einheit.

K: Ich mag Fußball als Sport. Und die Atmosphäre in der Kurve setzt krasse Emotionen frei, wenn du die Spannung und den Drive spürst. Das ist ein mit nix anderem zu vergleichendes Gefühl. Unabhängig davon, ob dein Team gewinnt oder verliert, beim Spiel gibst du einfach alles.

M: Bei uns, wie bei jeder x-beliebigen Gemeinschaft, gibt es kleine Probleme und grandiose Niederlagen – ohne das geht’s nicht. Was mit am häufigsten auffällt und womit ich am meisten zu tun habe ist die politische Gleichgültigkeit einiger, der Sexismus, das Desinteresse an Klubbelangen, das gespannte Verhältnis zu den jüngeren Fans und anderes. Selbstverständlich versuchen wir das ein oder andere zu lösen und vieles zu bemerken. Auf jeden Fall bemühen wir uns nicht stehen zu bleiben, sondern uns weiterzuentwickeln. Das schwierige Verhältnis zu den Behörden ist immer noch nicht geklärt. Wir sind von tausenden Einschränkungen beim Support und den Bannern betroffen. Das ist echt unangenehm.

K: Es gibt Hindernisse bei der Durchführung von Fußballspielen von Seiten der Behörden. Uns bieten sich einfach nicht die Freiheiten, die wir gerne hätten. Das betrifft insbesondere die visuelle Unterstützung des Teams und unsere Banner. Außerdem fehlt das breite Engagement der Leute, welche in der Kurve stehen. Ich hätte gern, daß sie mehr am Vereinsleben teilhaben und sich an den Vorbereitungen zu den Spielen beteiligen.

Mir wurde erzählt, dass in Belorus vor allem junge Leute zum Fußball gehen. Aus irgendwelchen Gründen wird die Leidenschaft Fan, eines Fußballklubs zu sein, lediglich mit Teenagern und Jugendlichen verknüpft. Fansein ist eine Jugendschwärmerei aus der mensch rauswachsen soll oder sogar muß. Stimmt das?

K: Es gehen nicht nur Jugendliche zum Fußball, aber sie sind schon ein großer Teil. Fußball ist hip geworden. Aber die Leute, die schon 2005 gekommen sind, sind geblieben.

M: Die Mehrheit des Publikums besteht tatsächlich aus jungen Menschen. Bei uns ist es nicht üblich, als Familie Samstags zum Fußball oder überhaupt mit Kindern ins Stadion zu gehen. Bei uns arbeiten die Leute so viel, daß sie an ihrem einzigen freien Tag keine Lust auf Fußball haben. Sie präferieren andere Möglichkeiten sich zu erholen. Und selbstverständlich hat die Überwachung durch die Miliz und andere Sicherheitsorgane seinen Anteil am Desinteresse. Viele wollen einfach keinen Streß.

Auf der Tour wurde uns erzählt, daß es bei euch reicht, Fußballfan zu sein, damit ihr willkürlich wie Kriminelle behandelt werdet. Wie wird in Belorus mit Fußballfans umgegangen?

K: Die Situation für Fußballfans ist ziemlich schwierig. Die Behörden glauben grundsätzlich, daß sie nicht besonders klug, ungebildet und unkultiviert sind, wobei das nicht stimmt. Wir werden in sämtlichen Belangen, die den Support des Teams betreffen, mächtig eingeschränkt. Aber das stört nicht wirklich, denn für den Verein Hindernisse zu überwinden, macht es interessanter.

M: Ich kann dem nur noch hinzufügen, daß bei uns Fußballfans grundsätzlich als Teil einer aggressiven und oppositionellen Jugend betrachtet werden. Sie werden deshalb automatisch zum Feind und gefährlichen Element der Gesellschaft erklärt, das kontrolliert werden muß.

Die Fankultur im Osten und wahrscheinlich auch in Belorus ist sehr speziell. Wenn du Fußballfan bist, mußt du immer bereit sein, zu kämpfen. Das bedeutet, daß die Fankultur in erster Linie hooliganistisch ist. Stimmt das?

M: Ja, das ist richtig. Die Fanszene in den GUS-Staaten wird oft mit dem Macho-Hooligan assoziiert, der immer bereit ist die Farben seines Vereins mit den Fäusten zu verteidigen. Bei uns gab es nie eine Abgrenzung zwischen Ultras und Hooligans. Alles wurde von ein und denselben Leuten gemacht, die mit dem ganzen Herz dem Verein und der Kurve verpflichtet sind.

K: Ich denke, daß diese Vorstellung ein Stereotyp ist. Selbstverständlich gibt es Situationen, in denen du bereit sein mußt, für dich und die Farben des Vereins einzustehen. Aber dies ist nicht das Wichtigste. Zum Beispiel ist es für den Verein und die Kurve als Ganzes viel wichtiger, bei der Organisation der Spieltage zu helfen, irgendwelche administrativen Verpflichtungen zu übernehmen und selbstverständlich das Team angemessen und emotional zu unterstützen.

M: Das Stereotyp besteht darin, daß viele denken, daß du die Ehre des Klubs mit Fäusten verteidigen mußt, wenn du ein Fußballfan bist. Aber wir versuchen den Neuen zu erklären, daß sich unser Engagement nicht darin erschöpft – Kämpfe sind einfach Teil unseres Lebens. Und nicht der wichtigste beim Support des Teams. Fans unterstützen uns sehr viel besser, wenn sie in der Kurve die Spieler*innen lautstark anfeuern. Darüber hinaus ist Politik in Staaten wie Belorus, Russland, in der Ukraine und in anderen Fanszenen, wenn sie überhaupt so bezeichnet werden dürfen, sehr viel relevanter. Sämtliche Auseinandersetzungen zwischen Fans lassen sich auf Fa- gegen Antifa reduzieren als auf rivalisierende oder verfeindete Klubs. Das bedeutet, daß in einer Stadt durchaus mehrere Vereine existieren können und die Fans dennoch freundschaftliche Beziehungen pflegen, aber irgendein kleiner Klub aus der Peripherie, der antifaschistische Fans hat, zum gemeinsamen Hauptfeind wird. Das heißt, die meisten Schlägereien auf der Straße passieren nicht, weil die Kontrahent*innen verschiedene Vereine unterstützen, sondern weil die Fanszenen der Klubs unterschiedliche politische Positionen vertreten. Somit mußt du, wenn du Merch deines Klubs trägst, bereit sein ihn zu verteidigen. Denn sonst darfst du ihn – die Shirts, Schals und Hoodies – irgendwo auf einer gegnerischen Internetseite unter dem Rubrik „Trophäen“ bewundern. Es gibt selbstverständlich auch solche Leute, die sich „persönlich“ (er)kennen. Dann kommt es, völlig unabhängig davon, was du trägst, zu Auseinandersetzungen.

Was heißt es eigentlich für euch ultrà zu sein? Was machen belorussische Ultras im Stadion?

M: Die Subkultur Ultras ist in Belorus noch am Entstehen. Wir müssen noch viel diskutieren, überdenken und anpassen.

K: Ultras müssen kreativ sein und verstehen, was für das ein oder andere Spiel organisiert werden muß. Es gibt Leute, die gehen zum Fußball einfach, weil es gerade hip ist oder irgendwer sie eingeladen hat. Es gibt aber auch welche, die brauchen die besondere Atmosphäre und denen die Unterstützung des Teams besonders wichtig ist. Denn Stimmung der Fans überträgt sich auf die Aktiven und von denen hängt nun mal der Ausgang des Spiels ab. Bei uns ist die Ultrà-Kultur fast nicht existent. Der Hauptgrund dafür sind die massiven Einschränkungen unseres Engagements von Seiten der Sicherheitsbehörden.

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M: Abgesehen davon bemühen wir uns mit den jüngeren Fans zusammen zu arbeiten, ihnen unsere wenigen Erfahrungen näher zu bringen, ihnen unsere Kontakte zur Verfügung zu stellen und in unsere Netzwerke einzubinden. Nicht allen gefällt die Idee mit den „Knirpsen“ zusammen zu arbeiten, aber das ist deren Problem. Keine*r zwingt irgendwen gewaltsam sich mit den Jüngeren abzugeben. Das ist alles freiwillig und basiert auf Eigeninitiative. Ich denke, daß die Jugendlichen die Zukunft der Fanbewegung sind und nur von ihnen abhängt, wie diese aussehen wird. Ich möchte stolz auf diese Bewegung sein. Ich möchte meinen Kindern mal von diesen Leute erzählen, von ihren Ideen und Aktionen. Deshalb ist mir nicht egal, wer einmal die Basis in der Kurve bestimmt. Ich will ja irgendwann auch mal mit meinen Kindern zu Spielen von Partizan gehen.

K: Ich denke, daß Hooligans die Farben des Vereins eher außerhalb des Stadions verteidigen und dies machen in erster Linie Typen. Ultras aber wollen das Team unterstützen, die Kurve unterhalten und die Stimmung derjenigen aufhellen, die kommen, um das Spiel zu sehen.

Bei uns in Deutschland und auch in Italien gibt es unter Fans das sogenannte No-Politics-Dogma. Viele Ultras denken, daß die Ultrà-Bewegung eine unpolitische Bewegung sein soll. Insbesondere nationalistische und rechtsoffene Ultras verweigern sich jeglichen Aktionen gegen Rassismus oder andere Diskriminierungen, weil dies politische Interventionen sein sollen und nix mit der Unterstützung des Vereins oder des Teams zu tun haben. Was denkt ihr über Politik und Ultras?

K: Ich denke, daß die Unterstützung des Teams nichts mit Politik zu tun haben sollte. Der Support sollte von der Unterstützung des Vereins dominiert werden sowie das Team und die Fans motivieren.

M: Hm… Das ist eine schwierige und umfassende Frage. Ich bemühe mich kurz und knapp zu antworten. Zu uns in die Kurve kommen Leute verschiedener politischer Spektren – bis auf Nazis selbstverständlich. Das heißt, jede politische Äußerung würde zu ideologischen Diskussionen führen. Ich kann mir eigentlich auch nicht vorstellen, wie ein schnödes Fußballspiel politisiert werden könnte. Während des Spiels sind wir keine Anarchist*innen, Linken oder Sozialdemokrat*innen – wir sind Fans von Partizan. Am Spieltag gibt’s keinerlei Unterschiede. Genau deshalb gehen Leute zum Fußball. Denn dort zeigt keine*r mit dem Finger auf dich, keine*r schiebt dich in irgendwelche Schubladen und labelt dich. Dort bist du einfach nur Fan. Du singst, springst, du unterstützt dein Team zusammen mit hunderten ebenso verrückten Fußballfans. Das steht immer im Zentrum. Und darauf gründet sich die Welt der Fans. Wir sind alle ein großes Ganzes. Selbstverständlich hat das auch ein bißchen mit Politik zu tun. Nicht zuletzt, weil die Kurve ein Ort für junge Menschen ist. Und in der Jugend sind wir alle für Maximalforderungen anfällig, was sich dann in unserem Engagement widerspiegelt. Aber das hat eher was mit gesundem Menschenverstand zu tun als mit Politik. Wenn du verstehst, was ich meine.

Gibt’s im „Osten“ eigentlich Fan*innen, ich meine weibliche Fans? ‘tschuldigung, gibt’s selbstverständlich. Ihr seid das lebendige Beispiel dafür. Aber wieviele seid ihr? Seid ihr in irgendwelchen Gruppen organisiert? Erzählt einfach mal über aktive weibliche Fußballfans.

M: In unseren Ländern wurde jede Entwicklung einer Frauenbewegung, unabhängig davon, ob sie einen politischen Charakter hat oder sich weibliche Fans organisieren oder sonst wie Frauen aktiv werden, sowohl in der Erziehung als auch als Ergebnis der Mentalität der Menschen von Beginn an verspottet. Trotzdem gibt es dieses Engagement in allen aktivistischen Spektren. Wir sind überall! Hahaha… Frauen gibt es selbstverständlich auch in unserer Kurve. Es gibt aktive Mädels, die den Verein ständig unterstützen. Es gibt aber auch welche, die einfach nur das Team unterstützen und zu den Spielen kommen. Und es gibt, wie überall, auch die, welche keine Saison überstehen. Sie alle haben ihre Gründe, warum sie zu den Spielen kommen. Mode vielleicht, Typen, Status – keine Ahnung und ehrlich gesagt, es ist mir eigentlich auch egal. Solche kommen und gehen. Ich kann nicht mal behaupten, daß sich nur Mädels so benehmen. Bei uns neigen auch Typen zu einem solchen subkulturellen Hopping. Aber ich kümmere mich nicht besonders um sie. Ich habe viel zu viel um die Ohren, um meine Zeit mit ihnen zu verschwenden. Die aktiven Mädels helfen dem Klub sehr bei der Arbeit im Vereins. Oder auch den Ultras oder beim Support während der Spiele. ich danke ihnen sehr dafür.

Ich war sehr verwundert, daß so viele Frauen nach Deutschland gekommen sind. Ehrlich gesagt, ich dachte, und schäme mich nachträglich für diese dämlichen Vorurteile, daß nur Hooligans kommen würden. Deshalb war ich auch einerseits erstaunt auf der anderen Seite aber auch froh, daß so viele Frauen gekommen sind… Übrigens hab ich gelesen, daß 2005 einige Frauen eine weibliche Fangruppe gegründet haben. Gab’s diese Gruppe tatsächlich und was ist passiert?

K: Früher gab’s nur wenig weibliche Fans. In den Jahren 2005-2006 waren wir gerade mal sieben Mädels. Wir hatten tatsächlich unsere eigene Gruppe. Die hieß GSU – Girls Stand United. Aber in Anbetracht der Tatsache, daß Frauen in der Kurve nicht gerade hoch angesehen waren, gab es uns nur ein Jahr. Nur ich bin von den sieben übrig geblieben.

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M: Es fehlte nicht nur die Unterstützung durch die Leute in der Kurve, sondern es gab auch Beleidungen und dumme Witzchen gegen die Frauen. Letztendlich brach die Gruppe zusammen. Es gab selbstverständlich auch Leute, die nix schlimmes darin erkennen konnten, daß die Mädels für sich irgendwas eigenes gegründet hatten. Aber die waren in der Minderheit. Apropos, ich erinnere mich an Kämpfe, bei denen unsere „Damen“ dabei waren. Hahaha… Später gab’s weitere Versuche, die Mädels in der Kurve zu organisieren, aber sie waren wohl noch nicht dazu bereit. Es gab zu wenig verantwortungsbewußte Leute, welche die ganze Organisation übernehmen sollten – so darf das nicht sein.

K: Zur Zeit kommen in die Kurve viele Mädels, aber sie in irgendeiner Gruppe zu organisieren, hab ich keine Lust. Wer will, hilft auch so aktiv im Verein.

In Belorus gibt es eine alternative Fußballliga – die D.I.Y. league. Erzählt bitte ein bißchen über diese Liga, über die Teams, den Kader der Teams, wo sie spielen usw?

K: Die Liga gibt’s schon einige Jahre. Dort spielen Teams, die sich nicht nur aus denen zusammensetzen, die zu uns in die Kurve kommen, sondern auch einfach Partyleute.

M: Die Liga wurde 2007 gegründet. Sie hieß damals für die Saison 2007-2008 Belorus-Hardcore League. Danach firmierte sie in der Saison 2008-2009 als Belorus Antifa Football League (B.A.F.L.) und wurde schließlich 2009 in Belarus DIY Football League umbenannt. So heißt die Liga bis heute. Seit ihrer Gründung wurden acht reguläre Meisterschaften und einige internationale Turniere ausgespielt. In der Liga gibt es keine Tabellen irgendwelcher höheren Meisterschaften, keine rassistischen Beleidungen, kein Platz für hooliganistische Auseinandersetzungen und grandiose Ultra-Performances. In dieser Liga kicken die Leute in irgendwelchen Hinterhöfen oder auf Schulsportplätzen. Sie schweißen sich ihre Tore selber und spielen ausschließlich zu ihrem eigenen Vergnügen. Dieser Amateurfußball in einem antirassistischen Umfeld hat aktuell große Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Diese Liga ist die Inkarnation der Forderung „against modern football“. Es spielen Männerteams ganz selbstverständlich mit Frauenteams zusammen.

K: Zur Zeit gibt es circa 40 Teams. Sie spielen 6×6. Alle Spiele finden auf normalen, kostenlosen Sportplätzen statt.

M: Die Namen der Teams werden von den Aktiven individuell ohne jede Einschränkung ausgewählt. Es gibt den FK Moloko und Gradus (Grad), Kubolitr (Kubikliter), Rezinotrest (Gummizappeln), Ivancevich, Genossen, bitch witch, Babij Bunt (Baby Revolte) und andere.

K: Für uns bietet die Liga die Möglichkeit uns sportlich zu bewegen, uns zu treffen und zu entspannen. Die Spiele finden in freundlicher Atmosphäre statt. Es gibt drei Frauenteams.

M: Zur Zeit haben wir bei unseren Veranstaltungen vor allem Genossen aus Russland und der Ukraine zu Gast. Aber wir würden uns freuen, wenn die Geographie der Teilnehmer*innen sich verbreiten würde. Also, wir warten auf euch. Übrigens: Wir veranstalten nach den Spielen oft Konzerte und Parties für alle. Sport und grenzenloser Spaß – Jugend und Hardcore. Hahaha…

So. Jetzt reicht’s. Mir sind alle Fragen ausgegangen. Habe ich irgendwas vergessen? Oder gibt es noch was, was ihr noch loswerden wollt…

K: Danke, daß ihr uns und unserem Verein so sehr helft.

M: Ich möchte mich auch nochmal für die Unterstützung unseres Klubs bedanken. Wir machen oft irgendwelche Fehler. Vielleicht haben wir euer Vertrauen nicht verdient, das ihr in uns habt. Aber ich denke, daß wir gemeinsam mit allem fertig werden und es für uns nur einen Weg gibt – nach vorne! Ihr könnt auf jeden Fall immer auf uns zählen. Für uns ist es oft schwer, aber ich denke, auch für euch ist es nicht immer einfach. Uns trennt ein „Eiserner Vorhang“, aber mit eurer Solidarität und der gegenseitigen Unterstützung beweist ihr, daß wir gemeinsam Berge versetzen können. So sind wir stärker! ich war bei euch unabhängig von der Tour, habe mit verschiedenen Leuten abgehangen und verstanden, daß wir sehr viel voneinander lernen und uns beibringen können. Ich freue mich immer wieder auf’s Neue, engagierte Menschen zu treffen. Also, ich möchte mich einfach nur bedanken, daß es euch gibt! No pasaran!

Danke! Ich denke der Verein und die Fanszene von Partizan-MTZ wird sich noch schöner entwickeln, als sie schon ist – unabhängig von Gender der aktiven Menschen oder dem Alter der Fans! Bis bald! Und auf Wiedersehen!

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